SSV Reutlingen 1905 Fußball Archiv bis September 2017

Geschafft!

Mit viel Herz und noch mehr Leidenschaft holt der SSV den überlebenswichtigen 1:0-Sieg (1:0) gegen Bissingen. Allein die Chancenverwertung ist mangelhaft und Reutlingen muss bis zur letzten Minute um den Klassenerhalt zittern.

„Schachti!“ schreit Tom Patrick Schiffel und fällt dem noch immer verletzten Stürmer Daniel Schachtschneider im Kabinengang in die Arme. Er klatscht ihm heftig auf den Rücken, die Chemie stimmt, die Freude bei allen Beteiligten ist groß. Fans und Verein atmen am Ende der Oberligasaison auf und feiern den Klassenerhalt der Kicker von der Kreuzeiche. Vor einer großartigen Kulisse, die 2785 Zuschauer möglich machten, opferten sich die Spieler des SSV auf. Und nach nur 63 Sekunden hätte es die Führung für die von Anfang an engagierter auftretenden Hausherren sein müssen. Nach einer Klasse Flanke von Maier verpasste der völlig freistehende Yahkem aus kürzester Distanz. Die größere Herausforderung war es in diesem Moment wohl gewesen, den Ball nicht im Tor der auf Tabellenplatz Drei rangierenden Gäste unterzubringen. Früh signalisierten die Reutlinger die Bereitschaft, alles in ihrer Macht Stehende für den Klassenerhalt zu tun. Und die anfängliche Feldüberlegenheit setzte sich unter den Augen des ebenso engagierten Publikums fort. Nach einigen kleineren Chancen war es in der 14.Minute Zvonimir Kovac, der die mögliche Führung vergab. Mustergültig bedient von Schiffel konnte er vom Punkt aus keine gefährliche Situation beschwören.
Nahezu im Minutentakt gelang es dem SSV nun, sich Chancen zu erarbeiten. So auch wieder durch Yahkem, der sich in der 14. Minute schön freigelaufen hatte und auch Gästekeeper Burkhardt schon umkurvt hatte. Aus spitzem Winkel gelang ihm jedoch kein Abschluss. Bereits jetzt deutete sich ein gewisses Problem bezüglich der Chancenverwertung an.

 


Aber die Reutlinger hatten auch Pech – Gästekeeper Burkhardt verhinderte in der 28.Spielminute mit einer starken Parade einen möglichen Treffer Schiffels. Dieser hatte aus guten 25m sehenswert abgezogen und war beinahe erfolgreich gewesen. Nur zwei Minuten später bereits der nächste Aufreger: Der durchgestartete Golinski fiel nach einem leichten Kontakt im Sechzehner der Gäste zu Boden, doch ein Elfmeterpfiff blieb aus. Anstatt vor dem Verteidiger zu kreuzen, hätte er in dieser Situation besser den Abschluss suchen sollen. Heftige Proteste und ein Revanchefoul an der Mittellinie seitens Yahkem waren die Konsequenz – inklusive Rudelbildung und gelber Karte für den Reutlinger. Die Hausherren erarbeiteten sich weiter Chancen, diese waren aber weniger zwingend als zuvor. Viele der Zuschauer hatten bereits die Sorge, die mangelhafte Chancenverwertung würde sich im drohenden Abstieg rächen. Kurz vor der Pause hätte es bereits eine deutliche Führung für den SSV sein müssen, ein 4:0 wäre bei derart vielen und hochkarätigen Chancen durchaus angemessen gewesen. Doch Yahkem erlöste in der 44. Minute die Reutlinger nach schöner Kopfballablage von Golinski mit seinem dritten Saisontor. Aus kurzer Distanz konnte er den Ball am Torwart der Bissinger vorbeibugsieren und erzielte die längst überfällige Führung. Unter großem Jubel verließen die Mannschaften den Platz.


Und der SSV begann die zweite wie er die erste Hälfte beendet hatte. Ein langer Ball und eine unglückliche Kopfballabwehr ließen sich erneut Yahkem alleine vor dem Torwart der Gäste finden. Überlegen schob der Reutlinger ein, ehe ein Pfiff den Jubel der Hausherren jäh unterbrach. Eine fragwürdige Abseitsposition beim letzten Zuspiel ließ Schiedsrichter Paßlick den Treffer aberkennen.
Unbeeindruckt spielten die Kicker von der Kreuzeiche weiter nach vorne, doch mit fortschreitender Spieldauer machte sich die hohe Intensität der ersten Hälfte bemerkbar. Vorstöße wie die vergebene Chance Golinskis in der 50. Minute waren nun seltener, trotzdem behielt der SSV die Oberhand in dem so wichtigen Endspiel. Bissingen erarbeitete sich nun mehr Spielanteile, ohne dabei aber wirklich gefährlich zu werden. Konzentriert und von den großartigen Fans motiviert hielt der SSV dagegen. Schiffel und Gjokaj vergaben ebenfalls die mögliche Vorentscheidung. Auf der Tribüne lagen die Nerven nun blank, denn alle Abstiegskonkurrenten befanden sich zu diesem Zeitpunkt auf Siegkurs. Ein Gegentor und das damit verbundene Unentschieden würden den SSV die Klasse kosten.

 

 

Dem Tabellendritten Bissingen gelang es eine gute Stunde lang nicht, eine eigene Ecke zu erzwingen. Eine Chance ergab sich in der 63. Minute dadurch allerdings nicht. Auch das Eckballverhältnis war ein klarer Fingerzeig auf die Verteilung der Spielanteile, nur sechs Minuten später hatte der SSV sich seinen bereits achten Eckstoß verdient. Dieser brachte leider nicht die von Allen herbeigesehnte Vorentscheidung im Kampf um den Sieg und Klassenverbleib. Nach 75 Minuten war die Anspannung mit Händen zu greifen und jeder im Stadion realisierte die Tragweite der kommenden Schlussviertelstunde. Coach Class und die Reservespieler peitschten ihre Kollegen auf dem Platz nun deutlich sichtbar nach vorne. Diese rannten sich weiter die Seele aus dem Leib und ließen erst in der 85. Minute den ersten Bissinger Torschuss zu, den Hamrol allerdings sicher parierte. Trainer und Mannschaft waren jetzt nur noch darauf bedacht, einen möglichen Gegentreffer zu verhindern – dieser hätte wie bereits erwähnt schwere Konsequenzen gehabt. Verständlich also, dass der selbst eingewechselte Ubabuike für den defensiven Haas das Feld räumen musste. Dramatisch war die letzte Minute der regulären Spielzeit, als einer der Gästeangreifer im Sechszehner der Reutlinger zu Fall gekommen war. Viele hatten bereits einen Elfmeterpfiff erwartet, dieser blieb aber wie in der ersten Hälfte aus. Für die anschließende Ecke hatte sich auch der gegnerische Torwart noch auf den Weg in den Strafraum Reutlingens gemacht, was das Rekordpublikum im Kreuzeichestadion hörbar missbilligte. Die Standardsituation blieb aber ohne Folgen. Ungeduldiges Trippeln auf der Seitenlinie, Arme in der Luft – und endlich der Schlusspfiff!Reutlingen lag sich in den Armen, und für einen Moment waren alle negativen Dinge der letzten Saison vergessen. Spieler und Trainer feierten im Anschluss mit den Ultras der Szene E, ohne deren tolle Unterstützung dieser Kraftakt nicht möglich gewesen wäre. Auch den restlichen der 2785 Zuschauern gilt hier der Dank des Vereins.

 

 

In der Pressekonferenz fehlten Cheftrainer Jochen Class dann die Worte. Zwischen Freude über den Klassenerhalt und Ärger über die mangelhafte Chancenverwertung, die beinahe die Klasse gekostet hätte, hielt er seine Gedanken fest. Letzteres mahnte er besonders an, aber nicht ohne zu betonen, dass nun vieles von ihm abfalle. „Die Jungs haben sich heute kaputtgelaufen“ würdigte er den großartigen Einsatz seiner Mannschaft. Weiterhin wünschte er dem Gegner viel Erfolg im kommenden Finale des wfv-Pokals. Dieses war auch eine der möglichen Erklärungen für das relativ passive Auftreten der Gäste, für die es in der Liga um nichts mehr gegangen war. Zu seiner Zukunft wollte Class sich noch nicht äußern: „Es hat noch keine Gespräche gegeben“ sagte er. Wie viele andere freut sich auch er nun auf die verdiente Auszeit nach einer aufregenden Oberliga-Saison.An dieser Stelle muss der SSV sich nochmals bei den großartigen Fans bedanken, die ihren Verein in einem so wichtigen Spiel wirklich erstklassig unterstützt haben.

 

 

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